Deutsche Dichter & Denker

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Weihnachten 1945

Weihnachten 1945

Anfang Juli 1945 war ich, Jahrgang 1929, aus dem für Deutsche eingerichteten und bald berüchtigten Gefängnis in der vormaligen Post in Nesselsdorf in die Walachischen Berge verbracht worden.
Unweit befindet sich heute der vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge eingerichtete Soldatenfriedhof von Walachisch Meseritz.
Ich sollte auf einem Bauernhof Zwangsarbeit leisten.
Der Bauer des Hofes hatte im Krieg Partisanen beherbergt, war aber von Dorfbewohnern verraten worden.
In dieser Gegend lebten nur Tschechen!
Auf der Flucht vor der deutschen Polizei wurde er dann erschossen.
Seine Frau kam als Mitwisserin ins Gefängnis.
Diese Ausgangsposition war zweifellos für ein deutsches Mädchen 1945 denkbar schlecht.
Meine Aufgabe war unter anderem, nach dem frühen Melken der fünf Kühe und einer Ziege den Stall auszumisten, den Mist abzufahren und mit den Tieren und zwei Schafen auf die Weide gehen.
Mit dabei waren immer die beiden Mischlingshunde, die mir sehr zugetan waren.
Wie kalt waren doch diese frühen Morgenstunden in meiner dürftigen Kleidung,
barfuß, später in löchrigen Soldatenstiefeln, die ich auf dem Dachboden gefunden hatte.
Sie boten zum Glück genügend Platz, um sie mit Heu auszufüttern.
Eine freundliche Tschechin hatte mir ein Kopftuch geschenkt, weil sie meinen geschorenen Kopf nicht mehr ansehen wollte.
Weidezäune gab es nicht, man musste beim Weiden immer aufpassen, dass die Tiere nicht davon liefen.
Aber anfangs waren alle mit Fressen beschäftigt, und ich versuchte mich im Gras etwas auszuruhen. Da dauerte es nicht lange und die beiden Hunde kamen und kuschelten sich vorne an mich und bald kam – hätte ich es nicht erlebt, ich würde es nicht glauben – die Ziege, und rums, legte sie sich genau an meinen Rücken.
Hatte sie etwa gefühlt, wie kalt es mir war?
Die Monate vergingen und Weihnachten kam heran.
Ich konnte nicht mehr bei starkem Frost auf dem Dachboden auf dem Strohsack schlafen, aber wo sonst?
Im einzigen Zimmer schlief meine Herrin mit ihren zwei Kindern.
In all den Monaten meiner Anwesenheit durfte ich diesen Raum nicht betreten.
Dann war da noch der Wirtshaussaal, denn beim Hof befand sich eine Gastwirtschaft, aber der war eisig kalt und zugig und lohnte sich nicht zu heizen für die paar Männer, die abends auf ein Bier kamen. Also auf dem Sofa in der Küche.
Na toll, welch ein Fortschritt! – könnte man denken.
Nur, während ich darauf schlafen sollte, saßen vorne dran und um den ganzen Tisch herum, der vor dem Sofa stand, die Männer, einige davon ehemalige Partisanen, bei Bier und Schnaps, die unter solchen Umständen die Finger nicht bei sich halten konnten.
Und so war es auch an Weihnachten.
Das Bier, der Schnaps flossen reichlicher als sonst und die Zudringlichkeiten waren entsprechend. Verzweifelt nahm ich meine Decke und schlich nach draußen, aber wohin?
Der Schnee lag hoch und es war bitterkalt.
Da hörte ich aus dem Stall ein leises Muhen – und ich wusste wohin.
Vorsichtig, daß mich keiner sah, öffnete ich die Stalltür und schlüpfte hinein.
Malina, die Leitkuh, begrüßte mich mit einem freundlichen Muhen, die anderen stimmten
bedächtig ein und die Schafe blökten kurz erstaunt.
Ich nahm im Dunkeln ein Bündel Stroh und legte es bei der Ziege in die Futterkrippe, legte
mich darauf und deckte mich zu.
Da dauerte es nicht lange und die beiden Hunde sprangen zu mir hoch und kuschelten sich an mich. Die Ziege beschnupperte sanft mein Gesicht und leckte meine salzigen Tränen.
Bald aber schliefen wir alle tief und fest in dieser Nacht 1945.


Jahr: 1945