Deutsche Dichter & Denker

Der Denker sagt das Sein, der Dichter das Heilige!
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Gefangenschaft

Gefangenschaft

So geht heute der Tag, wie der letzte war und wie
der nächste sein wird: dumpfer Sang des Gleichen,
immer wieder, immer wieder, immer wieder.
Dein Schritt zertritt ihn nicht. Dein Schlaf kürzt
ihn nicht. Dein Schweiß löscht ihn nicht.
Immer wieder: gestern, jetzt, morgen. Darüber wölbt
sich ein blauer Himmel und in der Nacht, die ohne
Umarmung ist, die Sterne. Aber du siehst sie nicht.
Wann, wann sahst du sie? Es ist lange her. Als sei es
nie gewesen. Nie gewesen. Immer nur dieses hier.

Das Gitter, auch wenn keines ist; die Fessel, auch
wenn sie dich nicht bindet. Dennoch lebst du Tag
für Tag. Du darfst nicht fehlen bei der Zählung.
Daß du lebst! Freude ist draußen. Musik ist draußen.
Liebe ist draußen. Dein Herz pocht. Du verrichtest
deine Arbeit. Du liegst auf der harten Pritsche.

Hier ist: Verlassenheit. Hier ist: Sehnsucht. Hier ist:
Ohnmacht. Aber du lebst. Du denkst. Du denkst.
Es wird ein Brot verlost, das du mit Furcht ißt.
Es wird dreimal Suppe gegeben, die deinen Hunger
nicht stillt. Du denkst an daheim. Du wachst in
Angstträumen Tag für Tag: immer wieder. Denn vor
den Baracken laufen die Spuren jener, die einmal
neben dir standen und nach der Vernehmung von
den Henkern ins Ungewisse gerissen wurden!