Man spricht von Alters wunderbar
Von mancher That des Christes,
Heut spricht man auch vom Volk sogar,
Als gäb’s zu dieser Frist es.
Doch weil ich als ein Criticus
An allen Dingen zweifeln muß,
So frag’ ich stets: Wo ist es?
Und fabelhaft dünkt's meinem Geist.
Ich glaub’, es ist der Alte,
Der Überallundnirgends heißt.
O sagt mir, wo ich’s halte!
Wohl seh’ ich Leute, Wolk’ an Wolk’;
Doch Leute machen noch kein Volk,
Das sich als Eins gestalte.
In Kneipen sitzt es vollgedrängt
Und raisonnirt zu Zeiten,
Und wenn der Sommer gar anfängt,
Strömt’s aus von allen Seiten,
Es trinkt Kaffee und grüßt und spricht,
Volk ist das wohl, das Volk ist’s nicht;
Das Volk muß anders schreiten.
Wenn einer in's Gefängniß muß,
Seh' ich viel hundert laufen,
Auch brannt' einmal ein Haus am Fluß,
Da lief's herbei in Haufen.
Viel tausend waren's, ohne Kern,
Sie thaten nichts, als maulaufsperr'n,
Und gaffend sich verschnaufen.
Den, der nichts will, und der nichts thut,
Kann ich nicht gelten lassen,
Er ist auch nicht, sprech' ich mit Muth,
Wär' er in allen Gassen.
So ist das Volk beim Sonntagsball,
Bei der Parad', kurz überall,
Und nirgends doch zu fassen.
Doch seh' ich's einst voll Majestät
Gleich einem Mann sich rühren,
Bereit, was ihm die Freiheit räth,
Selbstkräftig zu vollführen:
Nicht nirgends mehr, noch überall;
Das Volk ist da! (ruf' ich mit Schall)
Gehorcht ihm nach Gebühren!
Deutsche Dichter & Denker
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